Kirchliches Engagement

Für viele Menschen ist Religion heute fremd geworden, eine schöne Ausschmückung für Familienfeste, etwas für die Großeltern, vielleicht auch einmal für Notzeiten und große Krisen. Kirchen als Orte organisierter christlicher Religion kranken zusätzlich an den gleichen Problemen, wie andere Institutionen: überkommene Machtstrukturen, schwindendes Vertrauen, Überalterung der Mitgliedschaft und Umgang mit dem Rückgang von Ressourcen. Gleichzeitig spielen sie weiter eine sehr wichtige Rolle: sie übernehmen viele öffentliche Aufgaben nach dem Subsidaritätsprinzip, sie ermöglichen den Dialog zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften, sie wirken gegen religiöse Radikalisierung durch eine gute theologische Bildung ihrer Geistlichen und sind ein wichtiger stabilisierender Partner für ihre Mitglieder oder andere Menschen auf Sinnsuche.

In Deutschland sind die beiden wichtigsten Konfessionen die katholische Kirche und die evangelischen Landeskirchen, die sich zum Teil noch an den Grenzen des alten deutschen territorialen Flickenteppichs orientieren. Dazu kommt noch ein ganzes Spektrum kleinerer meist evangelischer Freikirchen, die sich in Bezug auf Größe, Organisationsform und theologische Ausrichtung stark unterscheiden. Die geschichtlichen Auswirkungen der religiös gedeuteten Konflikte in Deutschland: hier ist sicher besonders der dreißigjährige Krieg zu nennen. In dessen Folge konnten die Landesfürsten die Religion ihrer Untertanen bestimmen, was wiederum zu massiven Migrationsbewegungen führte und noch heute in den sehr unterschiedlichen lokalen Verbreitungen der Konfessionen sichtbar ist. So absurd es heute erscheint, überkonfessionelle Eheschließungen waren bis weit ins letzte Jahrhundert hinein sehr kompliziert und teils konfliktbeladen. Daher ist die gegenseitige Anerkennung der Kirchen im Rahmen des ökumenischen Austauschs für manche Menschen nicht nur eine akademische theologische Frage der Bedeutung von bestimmten Riten, sondern wirkt bis in das engste Familienleben hinein.

Ich selbst bin in der württembergischen evangelischen Landeskirche getauft und konfirmiert worden und inzwischen durch Umzug Teil der bayerischen Landeskirche. Außerdem bin ich seit meiner Kindheit auch als Doppelmitglied in der evangelischen Freikirche „Herrnhuter Brüdergemeine“. Doch meine Geschichte mit der christlichen Religion begann schon Generationen vor meiner Geburt. Blickt man auf meinen Stammbaum, so finden sich dort viele Männer, die als Pfarrer für verschiedene Kirchen arbeiteten oder sogar als Missionare in die weite Welt hinausgezogen sind. Ebenso finden sich dort viele Frauen, die diesen Weg gegangen sind – oft verbunden mit einem hohen Preis für die eigene Gesundheit und das eigene Leben. Da ist zum Beispiel die in der Schweiz geborene Mutter meiner Mutter, die 1939 in Kapstadt den ein Jahr zuvor aus Deutschland eingereisten späteren Vater meiner Mutter heiratete, der in Kapstadt Pfarrer war. Oder da ist mein Vater, dessen Eltern 1958 aus den USA nach Ostafrika in die Mission gingen, was für ihn eine Kindheit zwischen Busch und Internat bedeutete.  Nach der Übersiedlung meiner Eltern (die sich im Kirchenchor in Kapstadt kennengelernt haben) in den Siebzigerjahren nach Stuttgart, war die örtliche Kirchengemeinde ein wesentlicher Anker für ihre erfolgreiche Integration in das Soziotop einer schwäbischen Großstadt – mit den Ehrenämtern sowohl als Mittel als auch als Zeichen der Einbindung.

Mein eigenes religiöse Sozialisation begann mit dem von meinen Eltern geforderten sonntäglichen Gottesdienstbesuch und den anschließenden theologischen Nachbesprechungen am Mittagstisch. Während meiner Schulzeit hatte ich verschiedene Rollen in der evangelischen Jugendarbeit einer Kirchengemeinde in der Nähe meiner Schule – als Mitarbeiter auf Ferienfahrten, als verantwortlicher für Getränkeabrechnungen und als Gruppenleiter. Während meiner Studienzeit habe ich den Weg in die überregionale Arbeit der Herrnhuter gefunden: erst in einer Gruppe, die sich für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzte und später auch hier in der Jugendarbeit. Die relativ geringe Größe der Kirche korrespondiert mit einer stark internationalen Ausrichtung. So ist die Synode (das Kirchenparlament), dem ich später angehörte, für einen Großteil der europäischen Gemeinden zuständig. So habe ich als dessen Vizepräsident Sitzungen in drei Sprachen geleitet und versucht dabei zu helfen, die sehr unterschiedlichen Interessen von Geschwistern (so nennen wir einander) aus den Niederlanden und Deutschland, Dänemark, der Schweiz, und Estland zusammenzubringen. In diesem Zusammenhang habe ich auch als Akoluth an der Austeilung des Abendmahls mitgewirkt. Etwas, das ich auch in meiner Münchner landeskirchlichen Gemeinde machen durfte, als ich dort in Gottesdiensten als Lektor beim Verlesen der Bibeltexte wirkte. Aktuell ist mein wichtigstes Engagement, dass ich monatlich einen Beitrag zu einem Newsletter der Herrnhuter liefere, der täglich einen Bibelvers aktuell auslegt und damit an die Predigten des tschechischen Reformators Jan Huß erinnert, die er in der Prager Bethlehemskapelle hielt.

Engagement in Kirchen oder anderen religiösen Gemeinschaften ist sicherlich immer eine sehr persönliche Entscheidung, da hier ja die eigenen weltanschaulichen Überzeugungen eine wichtige Rolle spielen. An vielen Stellen steht aber auch hier der zwischenmenschliche Aspekt im Vordergrund und auch das eigene Freizeitvergnügen. Im Grunde genommen gibt es drei Arten kirchlichen Engagements. Sie können Teil des kirchlichen Lebens werden, Sie können die Kirche in ihren Aufgaben unterstützen und Sie können Verantwortung innerhalb der Kirche als Organisation übernehmen. Die Grenzen zwischen diesen Bereichen sind fließend und ich vermute, dass auch in anderen religiösen und weltanschaulichen Gemeinschaften ähnliche Möglichkeiten da sind.

Werden Sie Teil des kirchlichen Lebens.

  • Besuchen Sie Veranstaltungen Ihrer Kirchengemeinde. Diese können religiöse Anlässe haben wie Gottesdienste und der spirituellen Erbauung dienen, wie Konzerte oder Ausstellungen. Manchmal gibt es auch Diskussionen zu gesellschaftlichen Themen und Vorträge zur Lage der Menschen in entfernten Ländern oder gesellige Veranstaltungen wie Wanderungen, Sommerfeste oder Tanzabende. 
  • Nutzen Sie die regelmäßigen meist halboffenen Freizeitangebote wie  Kirchenchor, Seniorennachmittage, Gesprächskreise oder Blasorchester. Besonders viele Angebote gibt es für junge Menschen:  Kindergottesdienste, Jugendgruppen, Pfadfinder inklusive besondere Angebote in den Schulferien.
  • Treten Sie mit anderen Mitgliedern Ihrer Kirchengemeinde in Kontakt, bleiben Sie noch etwas nach dem Gottesdienst oder sprechen Sie einmal auf der Straße die Pfarrerin an oder der Pfarrer.

Sollten Sie mit dem Angebot Ihrer eigenen Gemeinde nicht so zufrieden sein, dann gibt es meistens Nachbargemeinden oder sogar die anderen Konfessionen, in denen man einmal vorbeischauen kann. Es ist aber auch nicht falsch, Kritik zu äußern und damit dazu beizutragen, die Kirche offener zu gestalten und so besser in die Gesellschaft zu wirken! Hier vielleicht auch ein Wort zu Machtmissbrauch: Sollten Sie Machtmissbrauch bemerken oder gar erleiden, dann schweigen Sie nicht. Lassen Sie sich nicht davon irreleiten die eigene Gemeinschaft vor einem Skandal zu beschützen. Das Niederschweigen von solchen Taten vergiftet das Zusammenleben nachhaltig. Sollten Sie nicht ganz sicher sein, ob problematisches Verhalten vorliegt, dann können Sie auch erst einmal mit verantwortlichen Menschen innerhalb der Organisation sprechen – manchmal gibt es dafür auch spezifisch bestimmte Ansprechstellen. Bei eindeutigen Fällen schalten Sie die Behörden ein.

Helfen Sie mit die Aufgaben Ihrer Kirche zu erfüllen.

  • Die Kirchen erfüllen viele Aufgaben, gerade dort wo sie in erster Linie mildtätig wirken, sind sie auch auf Geldspenden angewiesen. Neben Kirchensteuer und Kirchgeld sind sie ein hilfreicher Beitrag, um Menschen hier und der ganzen Welt zu helfen, wenn sie in Not sind. Es kann sinnvoll sein, eine Spende an einen Zweck zu binden, damit damit keine goldenen Badewannen in Bischofsresidenzen finanziert werden (außer Sie möchten das natürlich!). Umgekehrt ist es auch eine stärke der Kirchen, in unvorhergesehenen Notlagen Mittel zu haben. Das kann von einer Mahlzeit für einen bettelnden Menschen an der Türe des Pfarrhauses bis zu Zelten für die Opfer eines Tsunamis am anderen Ende der Welt reichen.
  • Auch Sachspenden können helfen. Dabei sollten Sie allerdings die Daumenregel beachten, dass Sie besser nur Dinge spenden sollten, über die Sie sich selbst auch freuen würden. Die Altkleidersammlung sollte kein Ort sein, um Müll zu entsorgen. Wenn Sortierung, Säuberung, Reparatur, Transport und Lagerung von Sachspenden teurer als ihre Anschaffung vor Ort sind, dann ist es besser Geld zu spenden – zumal das wichtige positive Effekte auf örtliche Wirtschaftssysteme haben kann.
  • Die vielfältigen Aufgaben im Angebot des kirchlichen Lebens, die oben beschrieben wurden, werden ganz wesentlich von Menschen getragen, die sich dort ehrenamtlich engagieren: zum Beispiel Kindergottesdienste halten, Chorproben organisieren oder Würstchen grillen. Am besten Sie nehmen bei den Angeboten erst einmal teil und bringen sich dann etwas mehr ein. Auch die Gottesdienste werden fast immer auch von Laien mitgestaltet. Vom Krippenspiel, über Messdiener, Menschen, die Gebete sprechen und Texte vortragen oder Kirchenmusikerinnen und -musiker bis hin zur aktiven Teilnahme an den Sakramenten wie bei der Verteilung von Brot und Wein beim Abendmahl. Inzwischen gibt es auch gute Ausbildungswege, um als Laie in der Verkündigung des Evangeliums mitzuwirken.
  • Eine zweite Möglichkeit, Zeit zu spenden, sind die klassischen diakonischen Aufgaben die im kirchlichen Rahmen erfüllt werden: Besonders wichtig ist hier der Kontakt zu kranken, einsamen, alten oder gefangenen Menschen. Hier kann es manchmal schon ausreichen einfach nur zuzuhören und da zu sein. Allerdings ist es wichtig auch eine Dienstgemeinschaft zu haben, die sich gegenseitig stützt und die Erfahrungen verarbeitet.
  • Zuletzt möchte ich auch darauf hinweisen, dass es möglich ist dieses Engagement zum Beruf zu machen und sich hauptamtlich in der Kirche zu engagieren. Das kann man mit ganz unterschiedlichen Talenten tun und oft ist ein Berufseinstieg auch später im Leben möglich. Wie kirchliches Engagement insgesamt ist es sehr schön, dass diese Berufe das ganze Leben ansprechen. Es ist aber eine wichtige Aufgabe für jede dort tätige Person und auch in gegenseitiger Achtsamkeit der Teams darauf aufzupassen, dass es auch Kraftquellen im Leben geben muss, die nicht alle mit dem Beruf zu tun haben müssen.

Übernehmen Sie Verantwortung in der Kirche.

Meist gibt es für die verschiedenen oben angesprochenen Angebote der Kirche Planungsgruppen und Verantwortliche, denen man anbieten kann, sie zu unterstützen. Meist wird das willkommen sein, auch wenn es sicher eingespielte Teams gibt, die nicht so offen für neue Leute sind – das ist zwar schade, aber man muss sich hier auch nicht verkämpfen. Meist gilt: zuverlässige und ausdauernde Unterstützung wird gesucht und dann auch anerkannt. Auf dieser Ebene kann man schon viel gestalten und sich für die entsprechenden Angebote einbringen.

Die Kirchen haben außerdem in Deutschland Strukturen demokratischer Mitwirkung auf der örtlichen Ebene in denen die Arbeit der Gemeinde geplant, begleitet und ausgewertet wird. Bei regelmäßigen Wahlen werden die Mitglieder dieser Organe aus der Mitte der Gemeinde gewählt. Sie haben viele unterschiedliche Namen: zum Beispiel Kirchengemeinderat, Pfarrgemeinderat, Kirchenvorstand oder Ältestenrat. Leider ist die Wahlbeteiligung bei diesen Wahlen eher gering, meist sind vor allem die regelmäßigen Besucherinnen und Besucher der Angebote der Kirchengemeinde darunter. Sie gilt es zu gewinnen. Manchmal werden auch zwischen den Wahlen Menschen in diese Gremien kooptiert.

Dazu kommen Kirchenparlamente (Synoden), Leitungskreise und Aufsichtsgremien von kirchlichen Organisationen und Werken. Es gibt vermutlich drei Wege sich hier einzubringen: Über die örtlichen Gemeinden durch Delegation in die jeweils nächst höhere Ebene, durch Mitarbeit innerhalb der kirchlichen Hierarchie und durch die gesellschaftliche außerkirchliche Bedeutung der eigenen Persönlichkeit. Weil es hier auch um den Aufbau von Vertrauen geht, ist es sicherlich wichtig dem Wachstum entsprechender Netzwerke Zeit zu geben oder nicht enttäuscht zu sein, wenn man dieses nicht alleine durch ein gutes Programm und ein frommes Wesen gewinnt.

Die Kirchenpolitik ähnelt in vielen Punkten jeder anderen Politik. Gerade sehr alte Organisation, können nur so lange bestehen, weil sie einerseits zu abrupten Wandel abwehren können und andererseits trotzdem auf geänderte Anforderungen ihrer Umwelt reagieren. Es geht um den Einsatz großer Ressourcen, die Bewältigung vielfältiger Erwartungen und um die Klärung wichtiger theologischer Fragen, die für viele Menschen von großer Bedeutung sind. Weil sehr viele Menschen von diesem Entschlüssen betroffen sind, braucht es jede Menge Gespräche und Abstimmungsrunden, um gute Lösungen zu erarbeiten.

Aber es gibt auch einige wesentliche Unterschiede: durch die auf Ausgleich und gegenseitiger Liebe ausgerichtete christliche Lehre ist der Umgang mit Konflikten anders. Im guten Falle werden sie mit mehr Respekt und dem Geist gegenseitigen Verständnisses ausgetragen. Im schlechten Fall wird versucht Konflikte zu leugnen, zuzudecken oder sie – in Ermangelung feinerer Instrumente – mit dem Holzhammer theologischer Dogmatik zu lösen. Da Parteipolitik verpönt ist, fehlt auch die Verlässlichkeit von Fraktionen und die Möglichkeit in ihnen die Aufgaben aufzuteilen. Umgekehrt kommt es dafür aber seltener vor, dass nur deswegen gestritten wird, weil der Vorschlag von der falschen Seite kam. Die mangelnde Professionalisierung der Kirchenpolitik auf Seiten der Laienmitbestimmung stärkt die Rolle der Verwaltung, macht Sitzungen manchmal komplizierter und abhängig von einer kompetenten Sitzungsleitung. Für jemanden, der auch die üblichen Vorgehensweisen in säkularen Parlamenten kennt ist das anstrengend aber auch immer wieder sehr schön – wenn etwa im Rahmen der Sitzung gemeinsam gebetet und gesungen wird.

Wer sollte sich kirchlich engagieren?

Kirchliches Engagement ist für religiöse Menschen ein schöner Weg spirituellen Sinn mit spannenden Aufgaben zu verbinden. Dabei ist immer auch Raum für Glaubensfragen un Zweifel. Ich habe nicht erlebt, dass diejenigen zwangsläufig besser in der Seelsorge waren, die besonders glaubensfest sind. Viele Menschen erleben aber Begegnungen mit Gott in der Schönheit der Musik, der Fröhlichkeit einer Kindergruppe, der Einfachheit manueller Arbeite oder der Tiefe eines Gesprächs in großer Not. Kirchliches Engagement verbindet aber auch einfach viele unterschiedliche Menschen miteinander, erfüllt wichtige gesellschaftliche Aufgaben und ist gut vorbereitet auf die Einbindung von Freiwilligen. Deshalb ist es auch ein guter Ort einfach mal mitzumachen, unabhängig davon, wie man sich gerade zur eigenen Religiosität stellt.

Detailaufnahme eines Marzipanlammed mit einer blauen Fahne und einer Kerze im Hintergrund.
Das Lamm mit der blauen Siegesfahne ist ein christliches Symbol.